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Ist die Liebe am Ende?

30. Dezember 2025 | Aferdita Bogdanovic

Wann ist die Liebe eigentlich so tragisch geworden?
Oder war sie das immer – nur weniger gut erzählt?

Gern blicken wir zurück und behaupten, früher sei alles einfacher gewesen. Beziehungen hätten länger gehalten, mitunter ein Leben lang. Schnell ist der Schuldige gefunden: die Schnelllebigkeit unserer Zeit, der zunehmende Egoismus, Tinder und seine Verwandten. Ein Wisch – und ein neues Kennenlernen ist erledigt.

Doch diese Erklärung ist bequem. Und vor allem: zu kurz gedacht.

Bevor wir urteilen, lohnt sich eine viel grundlegendere Frage: Was bedeutet Liebe für uns überhaupt? Kaum gestellt, öffnet sich im Geist eine Art gedankliche Excel-Tabelle – sauber aufgelistet, effizient strukturiert: Liebe soll glücklich machen. Sie soll mich erfüllen, bereichern, das Beste aus mir herausholen. Sie soll Sinn stiften, Sicherheit geben, Leidenschaft garantieren – idealerweise gleichzeitig.

Und genau hier zeigt sich der eigentliche Kern der Frage nach einer tugendhaften Liebe:  Welches Bedürfnis soll Liebe in mir stillen?

Menschen, die diese Erwartungen nicht teilen, begegnen wir oft mit irritiertem Blick. „Wie leidenschaftslos“, denken wir. „Wie kalt muss man sein, Liebe rational zu betrachten?“ Als gäbe es eine gültige Form des Liebens – und alle anderen seien Abweichungen.

Doch wer entscheidet, welches Denken richtig ist?

Unsere Vorstellungen sind tief geprägt: von Romeo und Julia, von der großen, alles verzehrenden Liebe, die lieber untergeht, als sich zu relativieren. Später übernehmen Hollywood und Serien die Regie und erzählen uns unermüdlich von jener einen Liebe, die vollkommen ist, bedingungslos, ewig – und selbstverständlich erfüllend bis zum letzten Atemzug. Vielleicht ist es also nicht die Liebe, die tragisch geworden ist.
Vielleicht sind es unsere Erwartungen an sie. 

Ist unsere Sehnsucht nach Liebe wirklich eine Sehnsucht nach dem Anderen – oder nach der Erfüllung unserer eigenen Erwartungen? 

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