Bild von Aferdita Bogdanovic

Poeting statt Dating – Neue Worte für die Liebe

25. Januar 2026 | Aferdita Bogdanovic

Wenn Worte Wirklichkeit formen, warum sollten wir ausgerechnet beim Ursprung der Liebe sprachlich so fantasielos bleiben? Michel Foucault bemerkte einst, dass Sprache ein Hebel ist – klein angesetzt, doch von großer Wirkung. Genau deshalb lohnt sich ein Blick auf das Wort Dating. Es klingt nach Zeitfenster, Effizienz und Verwertbarkeit. Nach Markt. Nach: Passt nicht? Weiterwischen. Poeting hingegen öffnet einen anderen Raum. Einen ohne Algorithmus. Ohne Optimierungsdruck. Einen Raum, in dem Präsenz genügt.

Liebe wie Poesie.
Man liest sie – und sie umschmeichelt einen.
Man legt sie weg – und ein leises Lächeln bleibt.

Manche Zeilen setzen sich fest, kehren immer wieder zurück, tauchen in den unpassendsten Momenten auf. Andere berühren nicht und verschwinden still, ohne Drama, ohne Nachhall. So sind Begegnungen. Manche Menschen berühren uns, andere ziehen wie Wolken an uns vorbei. Beides ist erlaubt – ohne Schuld, ohne Tragödie, auch wenn William Shakespeare darüber vermutlich tief betrübt gewesen wäre.

Poeting verlangt Vorbereitung – aber nicht im Sinne von Perfektion, Recherche oder emotionaler Marktanalyse. Sondern im Sinne von Ehrlichkeit. Ein Innehalten. Ein Akzeptieren. Ein bewusstes Wahrnehmen des anderen.

Eine echte Begegnung mit der Seele – ohne Checkliste, ohne rationales Aussortieren nach Kriterien wie Zukunftstauglichkeit oder emotionales Renditepotenzial. Denn was einst als feste Vorstellung galt, darf verschwimmen. Vielleicht war der Liebesakt früher zentral und ist es heute nicht mehr. Vielleicht ist Freiheit wichtiger geworden als Verschmelzung. Vielleicht hat sich das Leben verschoben – und mit ihm das Begehren. Das ist kein Scheitern, das ist Entwicklung. Auch wenn unser inneres Archiv das bisweilen anders abspeichert. Hält man kurz inne, kann die alte Vorstellung leiser werden.

Liebe scheitert selten an mangelnder Intensität, sondern erstaunlich oft an starren Erwartungen. Besonders gefährlich wird es bei einem Satz, der sich hartnäckig hält wie ein schlechter Ohrwurm: Er oder sie muss mich glücklich machen. Nein. Muss niemand. Glück auszulagern ist ein sicherer Weg in die Enttäuschung. Liebe ist keine Reparaturwerkstatt für innere Leere. Sie ist ein Resonanzraum. Kein Rettungsboot. Und ganz sicher kein All-Inclusive-Hotel für unerfüllte Bedürfnisse.Poeting bedeutet, Verantwortung zu tragen. Nicht romantisch verklärt, sondern ehrlich. Für das eigene Glück, die eigene Geschichte – und für die Worte, mit denen wir Liebe überhaupt erst ermöglichen oder sabotieren.

Weniger Drama, das wir mit Tiefe verwechseln.
Weniger Leid, dass wir Leidenschaft nennen.
Weniger Checklisten, die Nähe verhindern.

Wahrhaftigkeit und Mut zur Unvollkommenheit könnten unsere stetigen Begleiter sein. Mehr Poesie dort, wo wir sonst verhandeln.

Denn Liebe ist kein Vertrag und kein Erlösungsversprechen. Sie schuldet uns nichts – und genau darin liegt ihre Freiheit. Vielleicht ist Liebe am ehrlichsten, wenn sie nicht retten will, nicht bleiben muss und nicht größer sein möchte als das Leben selbst. Sondern einfach auftaucht, berührt und Spuren hinterlässt – auch wenn es nur für eine gewisse Zeit ist.

Ein Stück Lebendigkeit zu zweit – so teilt sich selbst das Leid. 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert