Verletzlichkeit, sagte Wolfgang Oberkogler, Musiker und Arzt, in einer dunklen Kammer, verbindet alle Lebewesen. Letztlich führt sie auch zum Tod, ob in derselben Sekunde oder nach zehntausend Jahren. Lächelnd, erscheint sie im Dasein, verschwindet sie, wird es ernst. Bei Musik und Kunst schätzen wir unsere Verletzlichkeit, eröffnet sie uns doch den Zugang zu Erfahrungen und Gefühlslagen, die uns sonst verborgen blieben. Im Alltag versuchen wir unsere Verletzlichkeit zu verbergen, um nicht den Jagdinstinkt in anderen zu wecken. Niemand will die Beute sein, Verletzlichkeit ermöglicht anderen den Biss in die Existenz.
Auf der Erde war das Leben, weithergebracht, entstanden, nicht trotz der Katastrophen während ihrer Entstehungszeit, da die Verletzlichkeit des Lebens so entsetzlich erscheint, dass wir uns heute noch davor fürchten, sondern dank. Die Katastrophen machten das Leben möglich. Erst die Wahrscheinlichkeit, verletzt zu werden, treibt das Leben dazu, auf seinem Dasein zu beharren. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettenden auch, dichtete Friedrich Hölderlin. Wo es einschlägt, beschleunigt sich die Reaktion, und sei sie der Tod. Aus ihm keimt die Absicht zum Überleben, aus den Toten ziehen die Lebendigen ihre Kultur. Wer uns verletzt, erinnert uns auch daran, dass es letztlich um uns geht, selbst wenn wir nie genau wissen, wer dieses uns sein soll.
Auf die Verletzung folgt der Schmerz. Er lässt uns unmittelbar erfahren, was Verstand und Vernunft nur mühsam preisgeben. Auf einzigartige Weise bewirkt der Schmerz eines: das Gefühl von uns selbst. Mir tut es weh, kein Zweifel mehr daran, dass es mich gibt, oder zumindest meinen schmerzenden Zeh. Gewissheit, im Alltag so schwer zu erlangen, von einem Selbst, und sei es ein Zeh, bringt uns dazu, an alles Mögliche zu glauben. Gewissheit wenigstens in einem Moment macht alles andere möglich. Ohne die Gewissheit, die wir dem Schmerz verdanken, kämen wir nicht einmal auf den Gedanken von Heilung. Wir stäken in einem Zustand fest, selbst wenn er Unheil wäre. Die bloße Idee von Unheil ließe uns kalt, erst der Schmerz weckt in uns das Bedürfnis etwas zum Heil zu unternehmen. So kommt das Heil nicht trotz, sondern wegen den Schmerzen in die Welt. Katastrophen und Schmerzen bilden die Bedingungen für das Leben und seine Entwicklung.
Verletzlichkeit und die Angewohnheit zu verletzen, vereint alle Lebewesen. Wir lassen einander nicht ungeschoren, weil keiner Letzter sein möchte. Immerhin kann selbst er sich damit trösten, dass es auch einen Allerletzten gibt. In ihm erscheint die Apotheose der Verletzlichkeit, er wäre ein Gott, wenn wir einen Gott der Niedrigkeit kennten. Gott stellen wir uns allmächtig vor, allverletzlich jedoch nicht. Unverletzlich konnte er nie einer von uns werden, er war kein Lebewesen, dazu musste er sich erst in Jesus verkörpern. Dann zeigte er sich als enorm verletzlich, was ihm den Tod beschied. Auch daraus zogen Menschen ihre Kulte und ihre Kultur.
Anders als den verkörperten, christlichen Gott hätte Friedrich Nietzsche griechische Götter wie Zeus oder Apollon nie umbringen können, fehlte doch beiden die Verletzlichkeit. Damit fiel ein griechischer oder alttestamentarischer Gott unter dieselbe Daseinsform wie ein Stein: Man konnte auf ihn bauen, aber mit ihm keinen lebendigen Austausch pflegen. Ein solcher Gott bleibt stumm. Das gilt auch für die meisten Lebewesen, die Sprache verbindet nur die wenigsten von ihnen.
Zwischen Göttern und Menschen liegt die Erde. Ist die verletzlich? Kaum, denn sie kümmert sich nicht darum, was ihr widerfährt, sowenig wie um die Lebewesen auf ihr, wir sind ihr gleichgültig. Der Erde Situation ließe sich am besten mit den Worten des österreichischen Fußballers Anton Pfeffer ausdrücken, der in der Halbzeit eines Matches, in dem seine Mannschaft aussichtlos mit 5:0 zurücklag, sagte: Na ja, hoch wer’mas nimma g’winnen. Nach der zweiten Halbzeit stand es dann 9:0.
Der Satiriker und Dichter Karl Kraus nannte Österreich eine Versuchsstation des Weltuntergangs. Dies gilt auch für die Erde. Sie bildet eine Versuchsstation für den Weltuntergang, und alle Lebewesen auf ihr, auch du und ich, tragen ihr Scherflein zum Weltuntergang bei. Wer an die Hölle oder den Hades glaubt, übersieht, dass beide als Zerrbilder der Erde dienen. Etwa wie die Fotos von der Erde im Weltall, auf denen sie als eine hübsche, hauptsächlich blaue Kugel erscheint. Mit Ausnahme von ein paar Personen in Aluminiumbüchsen hat diese Erde niemand mit eigenen Augen gesehen. Vermutlich wird auch niemand den Weltuntergang persönlich erleben, was ihn nicht weniger sicher macht. In dieser Lage erscheinen die Worte von Anton Pfeffer als vorbildlich.
Den Weltuntergang, wenn auch nicht unmittelbar, so doch stetig vor Augen, geht es für uns darum, zur zweiten Spielhälfte aufzulaufen. Haben uns alle möglichen Personen in der Kabine beschimpft, gemaßregelt und beschworen, besser zu werden – wir müssen wieder hinaus, und die Partie zu Ende spielen. Mögen uns angesichts der Niederlage wenigstens einige Moment im Match Freude machen!
Ungeachtet dessen haben wir weiterzuspielen, letztlich erwartet es das Publikum von uns. Zeitweise sitzen wir selbst in seinen Reihen, um das Zuschauen auf den Untergang am Spielfeld zu genießen. Der antike Philosoph Lukrez beschrieb das am Beispiel eines Schiffuntergangs (damals kannten sie das Fußballspiel noch nicht), der Genuss daran komme nicht vom Unglück der anderen, sondern aus unserer Entfernung dazu, unserem Abstand auf der Tribüne. Oder, um es mit dem Urösterreicher zu sagen: Karl, du bist’s ned.
Dann aber müssen wir wieder von der Tribüne auf das Spielfeld, mit Peffers Worten im Ohr, und in die nächste Halbzeit. Anpfiff. Wir sind die Verlierer, so viel Gewissheit dürfen wir hegen, aber dennoch ein Team mit dem Wunsch noch hoch zu gewinnen. Dies gelänge allerdings nur einem Wunderteam.
Bildbeschreibung: Aus der Serie Lalaland von Christian Zillner





