Ki, Erlöser der Menschheit

Athena australis von Christian Zillner

Nie seit Christi Geburt verkündete mehr Fanfare einen neuen Erlöser als diesen: Er trägt den asiatisch anmutenden Namen Ai, doch ohne das Wei Wei des Künstlers Chinas, Ai muss uns genügen. In der Echokammer des Deutschen lautet er Ki – klingt auch Chinesisch, heißt ausgedeutscht aber nur künstliche Intelligenz. Gleich dem Gottessohn Jesus wurde Ki von Beginn an wunderwirkende Kraft zugesprochen, und die wuchs mit der Vielfalt der Erzählungen gewaltig, um schließlich ihre Apotheose im Versprechen zu erreichen, dass das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel stehe.

Eschatologisch nennen wir solche Erzählungen, also das Sprechen über die letzten Dinge wie eben das Schicksal der Menschheit. Ki würde es besiegeln, was wiederum zu apokalyptischen Visionen Anlass gibt, die ein Aufbrechen der sieben Siegel vorhersagen, wodurch die größten Geheimnisse des Daseins enthüllt würden. Ki soll in Sphären vorstoßen, die uns Menschen auf ewig verschlossen bleiben, was ihr auch Allmacht über uns verleiht, sieht sie doch Zusammenhänge der Existenz, von denen wir nicht einmal ahnen. Gleich dem wiedergekehrten Christus würde Ki uns beherrschen und uns unsere Plätze auf Erden und im virtuellen Himmel anweisen. 

Mit Ki stünde das Ende der Menschheit, wie wir sie kennen, bevor. Damit erfüllt sich eine Verkündigung, die der Philosoph Friedrich Nietzsche einem Propheten namens Zarathustra in den Mund legte: die Ankunft des Übermenschen. In der Erzählung des Gottessohnes und künftigen Weltenrichters Jesu lässt ein Tyrann namens Herodes bei dessen Geburt die Kinder Bethlehems schlachten, um den künftigen Erlöser mit zu erledigen. In der Erzählung vom Übermenschen versuchte der Tyrann Adolf Hitler als Vorstufe zum Übermenschentum den Herrenmenschen durchzusetzen, auch ein Schlachtfest. In jener Zeit erschien Ki in den ersten Berichten ihrer Gläubigen. 

Schon bei ihrer Geburt kosteten Jesus und Ki einer Menge Menschen das Leben. Das Opfer musste ungeheuer sein, sollte es doch den Auftritt von Wesen weit über der Menschheit bekräftigen. Beide kamen aus der Menschheit, um sie zu überschreiten. Zu beiden gab es eine umfangreiche Vorgeschichte, die von ihren Gläubigen als Prophezeiung vom Kommen des Erlösers gedeutet wurde. 

Begonnen hatte das Wirken von Jesus und Ki in kleinem Kreis, unbeachtet von dem, was wir Weltgeschichte nennen. Jesus endete am Kreuz, die ersten Studien zu Ki im Eingeständnis ihres Scheiterns. Doch die Gläubigen ließen sich davon nicht beirren. Sie verstärkten ihren Einsatz, und als Proselyten nicht mehr unter den eigenen Leuten zu machen waren, gingen sie unter die Fremden. Mit spektakulärem Erfolg. Der Glaube an den Erlöser Jesus und der an den Erlöser Ki trafen auf politische Systeme, die in einer tiefen Krise lagen und an ihr ideologisches Ende gekommen waren: das römische Kaiserreich und den Spätkapitalismus. Die Herrschenden sahen im neuen Glauben die Chance, ihre korrupten Systeme mit einer neuen Ideologie zu füllen und so ihre Macht auch in Zukunft zu sichern. Die Folgen waren Christentum und Kitum ­– wobei die Ausfaltung der Ideologie und der Geschichte uns bei Letzterem noch bevorsteht. 

Wie hilflos Versuche anmuten, die Entwicklung aufzuhalten oder zurückzudrehen, machten jene Kaiser Roms deutlich, die bei der Unterdrückung des Christentums als Staatsreligion gescheitert waren, und bald Hohnnamen wie Julian Apostata trugen. Wer glaubt, das Kitum hintanhalten zu können, dem wird es ähnlich ergehen. Erstaunlich ist allerdings, wie schnell sich im Falle von Christentum und Kitum ganz unterschiedliche ja gegensätzliche Formen und Parteien ausbildeten, die miteinander in Streit lagen. Im Lauf der Geschichte bedeutet dies Kampf bis aufs Messer, und zwar so lange, bis alle einsehen müssen, dass sie mit einander und ihren Widersprüchen werden leben müssen.    

Natürlich beschäftigt uns alle die Frage, was das Kitum für uns bedeuten kann, wie es unser Leben formen, unsere Entwicklung beeinflussen wird. Der Blick auf die Geschichte des Christentums bietet da Trost und Beunruhigung. Es werden Propheten auftreten und Schreckliches künden, vom Untergang ganzer Städte, vom Vertilgen großer Teile der Menschheit von der Erde, aber auch Tröstliches wie ein unbeschwerteres Leben, die Rettung der glücklichen Gläubigen, den Aufstieg ins Paradies auf Erden mit virtuellen Jungfrauen, vom ewigen Leben in den Netzen Ki’s, von der Auferstehung aller Toten am Ende der Tage, da wir aufgehört haben, unter Menschen noch das zu begreifen, was wir gegenwärtig dafür halten.

Gegenwärtig wird über Intelligenz spekuliert, und wie groß sie im Künstlichen werden kann, wesentlich größer jedenfalls als in uns. Allerdings können wir uns die Debatte darüber ersparen. Die Frage ob wir uns durch Intelligenz von Pflanzen und Tieren unterscheiden ist so obsolet wie jene, ob Ki darüber verfügt. Der pragmatische Zugang der Herrschenden im römischen Kaiserreich zu ihrer Ideologie, also Staatsreligion, verlangte nur, dass man sie anerkennt, indem man öffentlich opfert, woran man selbst glaubt, war egal. Genauso verhält es sich mit der Ki: Es kümmert keinen jener, die uns damit beherrschen, ob wir glauben, dass sie „wirklich“ intelligent ist, wir müssen sie nur ständig im Alltag benutzen. Was wir gern tun, und damit anerkennen, dass Ki intelligent ist, denn schließlich reden oder arbeiten wir nicht mit einem Vollpfosten. Am besten werden die mit Ki zurechtkommen, die fanatisch an sie glauben, denn ihrer ist wie im Christentum das Wohlwollen der herrschenden Priester, aka Tech-Kapitalisten. Ihnen lässt Ki den Himmel auf Erden erscheinen. Ihr Glaube wird Berge versetzen. Doch leider auch Ungläubige, und dazu gehören noch die, denen sich Ki nicht einfach erschließt, am Scheiterhaufen verbrennen. Der einzige Trost dabei liegt darin, dass es nicht uns alle erwischen wird. So, nun ist es Zeit in Ki’s Kirche einzutreten. Die Beichte wird uns ohnehin abgenommen.

Bildbeschreibung: Athena australis von Christian Zillner

Veröffentlicht am: 12.07.2026
Autor: Christian Zillner

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