Christian Zillner

Wenn man nicht Autofahren kann, muss man darüber schreiben

12. Januar 2026 | Christian Zillner

Auto besagt ohne fremdes Zutun. Im Auto sieht die eigene Motorik nicht mehr spastisch aus. Es löst alles Krampfhafte, unter dem man außerhalb eines Autos leidet. Ein Führerschein, etwa ausgestellt von Beamten der Republik Österreich, gibt die Erlaubnis ein Auto zu führen. Man könnte auch fahren sagen, aber es klänge unpassend, denn im Auto geht es mehr als nur um Fahren.

Auto kommt von autochthon. Das altgriechische Wort wird mit eingeboren, einheimisch, indigen übersetzt. Im Auto sind wir indigen, Eingeborene einer Kultur, die über den Erdball fährt. Schon das Anspringen eines Automotors bringt etwas ins Schwingen, das weit über uns hinausreicht. Ein Kribbeln stellt sich ein, und wie viel Zärtlichkeit dabei in einem aufsteigt! Vom Auto werden wir, getrennt von all den Ereignissen draußen, unter einander im Straßenverkehr verbunden, vereinigt von Bändern, die uns zu unerwarteten Gefühlsausbrüchen hinreißen. Heimisch, einheimisch, keine Fremden, die zur Autotür hereindrängen, die Kindersicherung schützt uns im Wagen, der Wiege unserer Freiheit. Sie schaukelt so schön.

Anhand von Automarken können wir schon als Kleinkinder das Alphabetisieren lernen. Es gibt eine Automarke namens ABC, doch beginnen wir lieber mit einem Auto aus den USA von 1919: A Car Without a Name. Die Hersteller wollten es uns überlassen, dem Auto einen Namen zu geben wie dem eigenen Kind. Mit britischem Understatement geht es weiter: BAD Design, dann wieder was Süßes, Amerikanisches: Candy Apple. Nicht aus der gleichnamigen Republik, aber dennoch DDR, ein Prototyp von Diego Grullon und Juan Ovalle aus der Dominikanischen Republik. Elitewagen kann nur eine deutsche Automarke sein, Felber hingegen kam aus Österreich, der Gringo aus Brasilien, Habib aus Pakistan und woher die weiteren stammen, lässt sich raten: Iran Khodro, Joker, Kanzler (USA), L’Amour, Mecca (USA), Nameless (das britische Pendant zum Car Without a Name), OH (Finnland), Pagenkopf (USA), Quo Vadis, Radar, Seven Little Buffaloes, Troll, Ufo, Vinaxuki (Vietnam), Weltmeister (nein – China), Xpeng, Yaxa (Schweiz), Zentralmobil.

Manche Menschen können nicht Autofahren, besitzen keinen Führerschein. Sie müssen deshalb nicht ohne Auto leben, Charlie Watts etwa, der Schlagzeuger der Rolling Stones, besitzt einen Lagonda. Manchmal setzt er sich darin ans Steuer, obwohl er weder fahren kann noch darf. Das Auto rührt sich nicht von der Stelle – aber Charlies Herz!

Autokonstrukteure genießen einen Ruf wie die Künstler des Malerkanons. Der Bruder des Autokonstrukteurs Ettore Bugatti trägt einen Künstlernamen. Ihn schlägt der Lebensgefährte von Bice Bugatti vor, Giovanni Battista Emanuele Maria Segatini, der sich später Segantini nennt. Er versucht, die Natur der Schweizer Alpen auf Leinwände zu bannen, ein wunderbarer Fanatiker der Naturwiedergabe. Carlo Bugatti nimmt den Vorschlag an und gibt dem jüngeren seiner zwei Söhne den Namen Rembrandt. Dieser Bugatti wird ein Bildhauer, bekannt für seine Tierskulpturen. Er wohnt wie Picasso und andere Künstlerinnen der Moderne in Paris, zieht denen jedoch den Zoo der Stadt vor.

Was in einem Auto alles steckt! Mancher Vater glaubt, eine Menge mehr als in seinen Sohn. Aluminium, Mangan, Phosphor, Silizium, Schwefel, Kohlenstoff, Chrom, Nickel, Wolfram, Molybdän, Vanadium, Eisen, Kupfer, Magnesium, Zink, Thermoplaste, Duroplaste, Elastomere, Quarzglas, Kalk-Natronglas, Borosilikatglas, Polyvinylbutyral, Polymerketten, Titandioxid, Eisenoxide und Ruß. Das Auto enthält eine ganze GrundstoffindustrieWas Gott in Elemente getrennt hat, führt der Mensch im Automobil wieder zusammen.

Aus der Serie „Tschewengur – die Wanderung mit offenem Herzen“ (Porträt zeigt Stepan Jefremytsch Kopjonkin, der auf seinem Pferd „Proletarische Kraft“, von Rosa Luxemburg träumend, durch die Steppe reitet). 100 x 66 und 55 x 75 cm, Acryl auf Papier, 2026 

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