Christian Zillner Aus der Serie Tschewengur

Eine kleine Geschichte der Intelligenz

8. Januar 2026 | Christian Zillner

Mein Lieblingssatz von Ludwig Wittgenstein lautet: Existenzsätze sind sinnlos. Natürlich ist das ein Existenzsatz, genau wie jener, den ich eben aufgeschrieben habe. Schon mit dem zweiten Satz in die Sinnlosigkeit geraten. Ist das intelligent?

Intelligenz ermöglicht den Niederländern dem Meer Land abzugewinnen, aufwändig und langwierig. Sie nennen neu gewonnene Landesteile Polder. Einen vom Meerwasser zu befreien und für Zwecke wie Wohnbau, Industrie oder Agrarökonomie urbar zu machen, erfordert weitblickende Planung, die sich als kurzsichtig erweisen kann, sobald ein Polder soweit ist, dass er sich bestellen lässt. In den 1980er-Jahren war wieder einmal einer soweit. Als Industriegebiet geplant, habe sich während der Gestehung seine Bestimmung verflüchtigt. Die niederländische Industrie brauchte ihn nicht mehr. Was tun? Ein junger Mann, den es in die Polderverwaltung verschlagen habe, brachte die Idee vor, den Polder in ein Wildnisgebiet zu verwandeln. Ich könnte darin die Rückführung des, dem Meer abgerungenen, Stück Lands in seinen vorigen Zustand wahrnehmen, der jedenfalls der Wildnis näherkommt als jeder Form kultivierten Landes.

Intelligenz, für jede Form von kultivierter Natur notwendig, spielt im Meer vor Holland kaum eine Rolle, will man nicht in jedem Atom oder Wassermolekül eine Informationseinheit oder eine Informationsaggregation am Werk sehen, deren Bedeutung wenn auch noch nicht durch die Wissenschaft, so womöglich durch Meditation erfahrbar wird. Der Vorschlag des jungen Mannes wurde angenommen. Es fand sich sogar ein Nutzen für Menschen, entstand mit der neuen Wildnis doch auch eine Touristenattraktion. Statt zur Wildtiersafari nach Afrika zu fliegen, bot die Wildnis den Niederländern und ihren Gästen ein Gebiet, das mit der Bahn erreicht und ein Bisschen erkundet werden konnte, ein Stück Steppe auf einem Polder. Dazu wurden Viehherden ausgewildert, darunter ein Rind mit dem Gattungstitel Heck, das vom nationalsozialistischen Regime dereinst als epoché der Rückentwicklung zum ausgestorbenen Ur oder Auerochsen gezüchtet worden war in der Absicht, das Urvieh aller Kühe wieder über die Jagdgründe ziehen zu lassen. Das Heck und andere Arten fanden auf dem Steppenpolder ihr Habitat, aller Betreuung durch Menschen ledig. Intelligenz hatte Holland eine Wildnis beschert.

In Österreich beträgt der Anteil an Wildnis rund 0,03 Prozent des Territoriums. In Deutschland etwa ein Prozent, Versuche, das auf zwei Prozent zu steigern, sind bislang gescheitert. Was Österreich an Intelligenz für seine Wildnis aufbringen muss, besteht in Zurückhaltung: Dem Wildnisgebiet Dürrenstein, ehemals ein Wald von Albert Rothschild, bleibt der Zutritt von Menschen erspart, er ist verboten. Intelligenz zeugt Neugierde, das gilt auch für die Niederländer. Sie rief ein Fernsehfilmteam auf den Plan der Steppe, vor dessen Kamera es Wildnis spielte. Die Ausstrahlung der Reportage führte dann zu Empörung unter den Zusehenden: Wildnis schön und gut, aber dass darin Tiere jämmerlich zugrunde gehen, darf doch nicht sein! Intelligenz ließ nicht zu, die längst als unnötig erkannte Grausamkeit der Wildnis einfach hinzunehmen. Die Proteste erreichten auch die in den Niederlanden Regierenden, die Politik sah sich gefordert. Sogleich stützte sie sich auf die Wissenschaft und lud aus dem Erdkreis Expertinnen und Experten ein, den Steppenpolder zu studieren. Das Ergebnis ihrer Studie fiel eindeutig aus: Hier handelte es sich um eine Wildnis, und was dort ohne Eingriff von Menschen geschah, entsprach dem Habitat, der Wildnis eben, da geht es genauso zu, alles bestens, kein Grund, daran irgendetwas zu ändern. Jedem halbwegs intelligenten Menschen muss doch klar sein, dass es in der Wildnis wild zugeht, und die Regeln der Zivilisation dort keine Gültigkeit haben. Also alles lassen, wie es ist, empfahl die Studie.

Intelligenz weckte in den politischen Köpfen der Niederlande sofort Widerspruch. Mit der wissenschaftlich verordneten Untätigkeit würden sich die Wählerinnen und Wähler niemals zufriedengeben. Irgendetwas muss geschehen, wir müssen etwas unternehmen, um die Protestierenden zu beruhigen, bloß bekannt zu geben, die Wildnis sei halt so, da könne man nichts machen, würde die Intelligenz des Wahlvolkes beleidigen und weiteren Ärger nach sich ziehen, daher unsere Aufforderung an die Wissenschaft, einen Vorschlag für Maßnahmen zu unterbreiten. 

Naturgemäß sahen sich die Wissenschaftler und ihre Innen durch die Forderung der Politik in ihrem wissenschaftlichen Ethos gekränkt, aber was willst du machen, die schaffen an, und so müssen wir mit einer Maßnahme aufwarten, die der Wildnis zuwiderläuft, doch immerhin der Intelligenz der Niederländer und ihrer Innen zupass kommt. Man solle im Herbst unter den Wildtieren jene Exemplare ausfindig machen und erschießen, die den kommenden Winter voraussichtlich nicht überleben und elend zugrunde gehen werden. Eine intelligente Lösung, die den Tieren Leid, und den Menschen die Einsicht erspart, das Leben in der Wildnis sei gräulich anzusehen. Wer die Natur liebt und ihre natürlichen Gesetze, womöglich mehr als die von Menschen erlassenen, schätzt, soll nicht durch Bilder grausamer Vorgänge in der Wildnis verstört werden. Das Leben ist so schon schlimm genug. Wildnis ist gut, und soll auch gut aussehen. 

Intelligenz fordert, sich nicht mit negativen Begebenheiten abzufinden, sondern Maßnahmen zu ergreifen, um sie abzuwenden. Um es im Sinne der Philosophin Martha Nussbaum zu sagen: Der Sinn der Existenz einer Gazelle erschöpft sich nicht darin, von einer Löwin gerissen und von deren Familie aufgefressen zu werden. Intelligenz erzwingt den Schluss, dagegen vorzugehen, der Löwin die Gazellenjagd abzugewöhnen, allgemeiner gesprochen, der Wildnis zu widerraten. Intelligenz fördert die Moral, unsere Einsicht ins Gute, auch ins Gute für die Gazelle und jenem anderen Vieh auf der kalten Steppe eines Polders in den Niederlanden. Trotz der vorsorglichen Erschießungen, der vorzeitigen Erlösung bald nicht mehr lebensfähiger Tiere von ihrem künftigen Leid, kam es immer wieder zu Szenen elendiglich sterbender Tiere am Polder. Intelligenz kann davor nicht die Augen verschließen, oder höchstens temporär, sonst droht ihr selbst der Fall und Untergang. Kann vielleicht Künstliche Intelligenz das Dilemma am Polder beseitigen? Leider sei sie, so schreiben Emily M. Bender und Alex Hanna in ihrem Buch The AI Con nur ein stochastischer Papagei.

Dadurch beleidigt, nannte sich der CEO von OpenAI Sam Altman selbst einen stochastischen Papagei. In einer Umkehrung des Turing-Tests, der deutlich macht, dass wir nicht entscheiden können, ob unser Gegenüber intelligent ist, so lange es auf unsere Fragen Antworten gibt, die wir als intelligent betrachten, darf sich Altman bestätigt fühlen, aus Sicht eines stochastischen Papageis ein stochastischer Papagei zu sein, der durch die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten zu Aussagen kommt, die intelligent klingen. Wer der AI folgt, nimmt an, sie sei intelligent, sonst wäre er dumm, wenn er ihr folgen würde. Eine recht umschweifige Bestimmung Künstlicher Intelligenz, aber Intelligenz erfordert eben den Umschweif – den Schweif zeigt die Wildnis. Wie aber löst Künstliche Intelligenz das Dilemma der Wildnis? 

Womöglich indem sie uns zur Mediation rät.

Christian Zillner | Bildbeschreibung:  Aus der Serie „Tschewengur – die Wanderung mit offenem Herzen“ (Porträt zeigt Stepan Jefremytsch Kopjonkin, der auf seinem Pferd „Proletarische Kraft“, von Rosa Luxemburg träumend, durch die Steppe reitet). 100 x 66 und 55 x 75 cm, Acryl auf Papier, 2026 

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