Christian zillner aus der Serie Tschewengur

Nach der Kunst Wachstum

7. Januar 2026 | Christian Zillner

„Wie ein heulender Nordwind, fährt die Gegenwart über die Blüten unsers Geistes und versengt sie im Entstehen“, schreibt der Dichter Friedrich Hölderlin in Hyperion, einem Text, der aus dem alten Griechenland ein neues, und aus dem untertänigen Deutschland ein freies wachsen lassen will. Dazu wendet er sich aus der Geistlosigkeit der Gegenwart ins Geisterreich der Vergangenheit. „Ich ziehe durch die Vergangenheit, wie ein Ährenleser über die Stoppeläcker, wenn der Herr des Lands geerntet hat; da liest man jeden Strohhalm auf.“ Schon im ersten Satz zweifelt er daran, dass ihm dafür Verständnis, gar Liebe, entgegengebracht werden wird. Und einige Zeilen weiter „schämte ich mich, daß mich das wahrscheinliche Urteil des Publikums so übertrieben geschmeidig gemacht.“ 

Scham kennen wir auch, aber sie führte uns immer nur dazu, unverschämt zu werden. So auch im Folgenden, wenn die liebe, alte Institution der Kunst aufs Altenteil geschickt, und durch ein Neues, Wachstum genannt, verdrängt wird. Der altgriechische Begriff dafür lautet (ein Anhängsel): -physe. Nein, das ist noch nicht alles, aber das Beste kommt eben erst zum Schluss. Wie Hölderlin setzen wir dort an, wo in Europa Politik und Kultur erwachsen sind, um gleich ihre schönste Form anzunehmen, deren Nachahmen die europäische Politik- und Kunstgeschichte ausmacht. Das Neue muss wieder im Land der alten Griechen ansetzen.

Unter diesen Stadtstaatlern, nie imstande ein Reich, ein Imperium, zu gründen, wuchs eine Kultur der Armut. Fern von ihrem Ursprung erblüht sie zur Gegenwart der kulturellen Materialschlachter, die mit begrenzten Ressourcen wie Leugner eines Klimawandels umspringen. Ihr Mantra lautet: Reich und berühmt, egal was es kostet. Davon ließen sich auch die Griechen anstecken. Nach dem Beitritt des neuen Griechenlands zur europäischen Union glaubten seine Menschen, die Armut endlich abwerfen zu können, und sich durch Kredite, in der Gier erfahrener, Länder bereichern zu können. Der Lohn dafür ist Elend. 

In den ersten Kreis dieser Hölle traten schon die alten Griechen: im Tempel. Hier kamen die Künste zusammen, um Göttin oder Gott sowie deren Sitz aufzustellen. Architektur, Skulptur, Malerei, Zeichnung, Schnitzerei, auch die Musik, schufen der Göttinnen und Götter Abbild und umrissen deren Reich. Der Tempel, reich geschmücktes Bauwerk ebenso wie Heiligtum der Gemeinschaft, Klimbim und Mystik, so banal wie sakrosankt. 

Was die Religion der alten Griechen im Tempel zusammengeführt hatte, hielt noch die Kathedralen des mittelalterlichen Christentums zusammen. Diese, meist von vermögenden Bürgerinnen und Bürgern einer Stadt finanzierten Heiligtümer, in Wien hieß das Gebäude mit dem Domschatz „Heiltumsstuhl“, dienten unter dem Wort „Gottesdienst“ einem Ritual zur Transzendenz, vollzogen von bestallten Transzendenzverwaltern. Durch profanes Handwerk errichtet, erhöhten diese Transzendenzverwalter das Bauwerk, darin aufgehängte, bildliche Darstellungen religiöser Szenen und Ritualgeräte zur Kunst. Mit Folgen auch außerhalb der Kathedrale. Der Segen und die Reputation der Transzendenzverwalter veredelte Steinmetze und Schildermaler aus zünftigem Handwerk zu freie Künstlern, eitlen Repräsentationsverwaltern von Reich und Schön. Es ging nicht mehr nur um Steinbehauen, Malen, Goldschmieden oder was auch immer die Zunftordnung umfasste, sondern um Kunst, und diese verstand sich als Kreation.

Auch diese Vorstellung stammt aus der Religion. Am wirkmächtigsten aus der hebräischen, später zur christlichen aufgeblüht. Ihr heiliges Buch, die Bibel, beginnt mit dem Bericht einer Kreation, dem ersten Schöpfungsbericht. Das zweite Wort in der hebräischen Thora lautet bara und kommt nur an dieser Stelle vor. Es beschreibt den Schöpfungsakt Gottes, mit dem Himmel und Erde sowie der ganze Rest entstehen. 

Anders als das wissenschaftliche Konzept von einer sich ständig verändernden Evolution, aus der zufällig unterschiedliche Gestalten erwachsen, setzt die religiöse Dogmatik auf die vorsätzliche Kreation mit streng geregeltem Ergebnis. Der Zufall ist durch Gottes Willen ausgeschlossen. Gott kreiert aus nichts, genau das, was ist. 

Dieses religiöse Motiv dient auch der Kunstgemeinschaft als Prinzip ihres Tuns. Künstlerinnen und Künstler machen nicht irgendetwas, sie kreieren, was vom Publikum als Wahrheit zu nehmen ist. Wie das Dogma beansprucht Kunst eine höhere Wahrheit als den bloßen Schein, von dem sich Menschen beeindrucken lassen. Dogma und Kunst fordern den Glauben daran, dass etwas, das sie zeigen, nur so sein kann, zum Teufel mit allem Schein und aller Wahrscheinlichkeit. Für die allgemeingültige Gesetzmäßigkeit der Religion sorgt die Dogmatik, für jene der Kunst die Kunsttheorie. Ihre Sprache wirkt arkan, an einen Jargon gebunden, nur Eingeweihten vorbehalten. 

Aus profaner Sicht wirken Dogmatik und Kunsttheorie lächerlich, aber genau das zeichnet sie für die Gläubigen aus. Der Apostel des Christentums Paulus behauptet, eben weil seine Religion vor der griechischen Philosophie falsch und absurd erscheint, sei sie wahr. Diese Logik der Sekte stützt auch die Kunst.

In der Renaissance, die noch unter dem Mantel der Dogmatik die antiken Kulturleistungen wieder entdeckte, gelangte das Dogma der Kunst zur Einsetzung. Michelangelo wollte kein Zunftgenosse mehr sein. Er strebte danach, zumindest den Status eines Notars zu erreichen, einer bürgerlichen Stellung, ausgerechnet er, der unbürgerlichste aller Künstler. 

Schon bald nach ihren Schöpfungsberichten zählt die Bibel die großen Gestalten ihrer Religionsgeschichte auf, die Patriarchen. Nach der Dogmatisierung der Kunst am Ende der Renaissance erstellte der Künstler Giorgio Vasari den ersten Katalog der Patriarchen der europäischen Kunstgeschichte. Gleich jenem Patriarchenkatalog der Bibel erfuhr auch der von Vasari eine Kanonisierung, eine Heiligsprechung aller, die darin verzeichnet sind – bei Vasari und seinen Fortsetzern in profanierter Form. Heute bemühen sich Künstlerinnen und Künstler darum, in diesen Kanon der Kunstgeschichte aufgenommen zu werden. Wie Katholiken schätzen sie eine Selig- oder Heiligsprechung und verehren jene, die sie erreicht haben.

Vom japanischen Kaiser Hirohito heißt es, er habe nach einem Bombenangriff der US-Luftwaffe auf seinen Palast eine Klage angestimmt. Nicht auf die zerstörten Bauwerke, sie seien wieder aufzubauen, meinte er, sondern auf den im Bombenhagel abgebrannten Wald daneben. Seine jahrhundertealten Bäume seien für immer verloren. Des Kaisers Klage erscheint jedoch kurzsichtig, er hätte lediglich neue Bäume pflanzen müssen, mit den Jahrhunderten würden sie schon wachsen.

Aber immerhin gibt der japanische Kaiser dem lange Gewachsenen den Vorzug vor dem, vor nicht so langer Zeit Erbautem. Sein Ideal widerspricht dem der Kreation. Ob es damit in die Näher der Evolution rückt, spielt hier keine Rolle. Es geht uns nicht um die Verwissenschaftlichung dessen, was nach dem Abdanken der Kunst kommen soll. Die Vorstellung des Kaisers soll lediglich anschaulich machen, dass eine andere Vorstellung neben der Kreation möglich ist. Also das, was wir Wachstum oder -physenennen. Sie folgt einem anderen Prinzip als dem der Kunst. Es handelt sich nicht um Kreation. 

Friedrich Hölderlin hat der Kreation die Stiftung als ein anderes Prinzip beigesetzt: Was bleibet aber, stiften die Dichter, schreibt er. Doch auch Stiftung ist nicht Wachstum.

Wachstum bringt Gestalten hervor. Nicht als Folge einer Idee wie in der Kunst, nicht gemäß eines Vorbilds, ohne jede Erfindung im Sinne auf ein Ziel oder eine Absicht hin. Nicht zum Zweck eines Rituals der Transzendenz, sondern profane Dinge. Nichts daran erscheint originell, das Aussehen verdankt sich dem Wachstum über Jahre hinweg. Nichts deutet während des Prozesses auf ein bestimmtes Ergebnis hin. Es wird auch nicht daran gedacht. Selbst wenn das Erscheinungsbild einem Kunstwerk gleicht, ist es zufällig entstanden, und dient nur der Inspiration von Betrachtenden. Es trägt keine intrinsische Bedeutung.

Wachstum kommt radikal anders als Kunst daher. Kunst kreiert. Dem gilt es zu entwachsen, bedeutet es doch, das religiöse Ritual immer wieder in profaner Form nachzuahmen. Kunst ist nichts als Religion für Reiche. Geben wir der Armseligkeit eine Chance. 

In ihrer Armseligkeit sind die alten Griechen zu ihrer Kultur gekommen. Kunst sollte dann aber ihren Reichtum zum Ausdruck bringen. Ihrer Armseligkeit vergessend, setzten sie ihre Kultur im Casino der Reichen aufs Spiel, und mussten feststellen, dass die Bank immer gewinnt. Sie kauft aus ihren Gewinnen Kunst an, natürlich als Geldanlange, und fördert Museen, damit die den Wert ihrer Anlage bestätigen und mehren. Der Teufel, das wissen auch die Dogmatiker, scheißt immer auf den größten Haufen. 

Ganz sicher meidet er die Armut, denn da würde er sich einsam fühlen. Armut hieß bei den alten Griechen penia.Armut und Wachstum kämen in Peniaphyse zusammen. Das passt ganz gut für Dreiviertel der Menschheit. Aber die Kunstbegeisterten werden sich mit Grauen abwenden. Lebt wohl. 

Christian Zillner | Bildbeschreibung:  Aus der Serie „Tschewengur – die Wanderung mit offenem Herzen“ (Porträt zeigt Stepan Jefremytsch Kopjonkin, der auf seinem Pferd „Proletarische Kraft“, von Rosa Luxemburg träumend, durch die Steppe reitet). 100 x 66 und 55 x 75 cm, Acryl auf Papier, 2026 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert